Veröffentlicht am Di., 17. Okt. 2017 14:52 Uhr

"In einer Woche kann man echt sehr viel lernen: Einen guten Borschtsch zubereiten, die knusprigsten Kartoffelpuffer ever machen. Man kann lernen, (..) dass man sich fast ohne Sprache verstehen kann, mit gutem Willen, ein klein wenig Geduld", schreiben die 20 Jugendlichen aus Deutschland und der Ukraine, die während eines Jugendaustausches in Lviv im Westen der Ukraine mit viel Spaß und Fantasie ein Kochbuch erstellt haben. Inspiriert von den Rezepten ihrer Großeltern. 

Anamika schreibt: "Oft denken wir nicht darüber nach, aber im Alltag sind wir ständig von Dingen umgeben, die ihren Ursprung in einer fremden Kultur haben. Migration ist das natürlichste der Welt. Auf so vielen Ebenen ist sie eine große Bereicherung. Wer möchte denn auf Pizza verzichten? Oder auf Volleyball? Und wer kann von sich behaupten, dass seine Familie immer schon an ein und demselben Ort gelebt hat?"

Die deutschen und ukrainischen Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren haben im Sommer 2017 unter Leitung von Kreisjugenddiakon Kai-Oliver Pöhle und Projektkoordinator und Leiter der Schreibwerkstatt Gabriel Wolkenfeld sowie der ukrainischen Gymnasiallehrerinnen Olga Dashkina und Iryna Serduk mit dem evangelischen Kirchenkreis Reinickendorf in Lviv an einem Austauschprogramm teilgenommen, das die Beziehungen beider Länder intensivieren und das Engagement junger Menschen für demokratische Grundwerte stärken soll. Das von der Stiftung EVZ (Erinnerung, Verantwortung, Zukunft), der Robert Bosch Stiftung und dem Auswärtigen Amt unterstützte Austauschprogramm "Meet Up!" gibt es bereits seit einigen Jahren. 

Herausgekommen ist neben Spaß und Geschichten eine Sammlung mit Rezepten, jeweils in deutscher und ukrainischer Sprache - zum Kochen und zum Leben, inspiriert von Erfahrungen und Erlebnissen der Jugendlichen, mit Geschichten ihrer Großeltern und Eltern, die sich rund um den Globus spannen, von der Ukraine über den Polarkreis am Nordende des Ural-Gebirges bis nach Indien und zurück nach Deutschland - eine Anleitung zu Toleranz und Verständigung über Grenzen hinweg.

Katja aus der Ukraine schreibt: "Es gibt viele Gründe, den Geburtsort zu verlassen: Ausbildung, Arbeit, Liebe. Falls ich meine Heimat einmal verlassen sollte, nehme ich mich mit. Ein Mensch ist nicht nur Körper, sondern alles, was er sieht, fühlt, denkt und macht." Und Angie aus Deutschland ergänzt: "Unser Projekt rückt einen positiven Effekt von Migration in den Vordergrund: die Bereicherung unserer regionalen Küche durch eingewanderte Rezepte. Wer würde behaupten, die deutsche Küche sei ohne Pizza und Sushi reicher?"

Valentin erzählt von der geheimen Freundin seiner Oma, von "Omas Freundin Babuschka", die für das Apfelkuchen-Rezept seiner Großmutter verantwortlich war. "Der Apfelkuchen sah ganz anders aus als jene, die man in unserem deutschen Städtchen bekam: Wie überbackene Murmeln, von Apfelspalten keine Spur", beschreibt Valentin den ungewöhnlichen Kuchen seiner frühen Kindheit. Erst nach hundert oder mehr Nachfragen erfuhr er, dass seine Oma das Rezept auf einer Ukraine-Studienreise von einer alten Frau bekommen hatte, die ihr half den Kuchen zu backen, mit dem Valentins Großmutter das Herz ihres damaligen Schwarms gewinnen wollte - mit Erfolg: Beim ersten Kuchen-Bissen hat sich Valentins Großvater damals in die Oma von Valentin verliebt.

Bereits im Jahr 2015 waren ukrainische Jugendliche von der Partnerschule in Sumy (Nordostukraine) nach Berlin gekommen und hatten zusammen mit deutschen Jugendlichen aus Reinickendorf die jahrzehntelang durch eine politisch veranlasste Mauer geteilte Stadt Berlin unter dem Titel „History repeated - Wie Geschichte sich wiederholt“ erlebt und erkundet. Zu der Zeit wurde in der Ukraine gerade öffentlich von den politisch Verantwortlichen die Errichtung einer Mauer an der russisch-ukrainischen Grenze diskutiert. In Exkursionen, Zeugenbefragungen, Mauertour und Museumsbesuchen ging es um Fragen wie: Was können wir voneinander lernen? Wie müssen wir handeln, um nicht die Fehler anderer Generationen zu wiederholen? Was setzen wir Grenzen in der Gesellschaft entgegen? Die Ergebnisse der Begegnung 2015 wurden in verschiedenen Videos dokumentiert, die hier abgerufen werden können.

Das Kochbuch Großmutters Rezepte für eine offenere Welt kann man kostenlos erhalten beim Kreisjugenddiakon Kai-Oliver Pöhle (nach Absprache kopoehle@afgb.de oder 030-74760449) oder bei der Stiftung EVZ unter www.stiftung-evz.de. (Solange der Vorrat reicht.)

In diesem Video sehen Sie innerhalb von sechseinhalb Minuten, was in einer Woche Jugendbegegnung passiert ist:

Hier finden Sie Bilder und Geschichten aus dem Kochbuch zum Anschauen.

Viel Spaß hatten die deutschen und ukrainischen Jugendlichen bei dem Austausch in Lviv im Nordosten der Ukraine. Hier mit Olga Dashkina, der Lehrerin der Partnerschule (v.l.).

Fotos: Michal Zak
www.michalzak.net

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