Veröffentlicht am Di., 31. Mär. 2020 00:00 Uhr

Auf dieser Seite finden Sie eine Rundfunkandacht von Superintendentin Beate Hornschuh-Böhm.
(Foto: martin.bahr[at]piqx.de)

Andacht vom 29. März 2020 - Sonntag Judika

Das Wort auf rbb 88,8
von Beate Hornschuh-Böhm


„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20, 28)

Der Run auf die besten Plätze gehört zum täglichen Erleben. Wer ergattert in diesen Tagen frische Milch und das schon sprichwörtliche Toilettenpapier, ehe die Regale wieder leer sind? Wer sichert sich den Impfstoff, wenn er denn entwickelt ist? Und vor Corona: wer braust gerade noch bei Gelb über die Ampel? Wer bekommt im Büro den Schreibtisch mit der schönsten Aussicht? Wer ergattert im Wahlkampf den ersten Listenplatz, wer steht nach dem Wettkampf auf dem Siegertreppchen? Auf die besten Plätze will jeder, auch wenn der Weg dahin verbunden ist mit drängeln, tricksen, buckeln, dopen.

Von solchen Machenschaften waren auch die engsten Freunde von Jesus nicht frei. Im Neuen Testament wird erzählt, wie die beiden Brüder Johann und Jakob ihren Meister einmal beiseite nehmen und bedrängen: „Versprich uns etwas: wenn du demnächst deine Herrschaft im Himmelreich antrittst, dann lass uns zu deiner Rechten und deiner Linken sitzen.“ Die beiden sind clever. Sie wollen vorsorgen bis in den Himmel. Und sie wollen sich beizeiten die besten Plätze sichern, bevor jemand anders auf die gleiche Idee kommt. Ganz oben möchten sie mitmischen, als Stellvertreter des himmlischen Herrschers. Mit ihm entscheiden, mit ihm regieren, mit ihm gesehen werden.

Aber Jesus entzieht ihrem Ansinnen den Boden: „Ihr wisst doch, wie es in der Welt zugeht,“ sagt er, „wer die Macht hat, hält die anderen klein. Und wo die Macht ist, wird Gewalt ausgeübt. Bei euch aber soll es anders zugehen. Wer unter euch groß sein will, der soll ein Diener sein.“ Das bedeutet: Wer auch immer auf den besten Plätzen sitzen und mitregieren will, darf sich für die Mühen der Ebene nicht zu schade sein. Damit hatten die schlauen Brüder nicht gerechnet. Die Geschichte wurde festgehalten und aufgeschrieben, allen künftigen Generationen zur Lehre. Später haben die Evangelisten daraus einen Merksatz gemacht: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“

Das Schlüsselwort für den Erfolg von Jesus heißt dienen. Es ist allerdings ein Wort, das in unserem Sprachgebrauch ein wenig aus der Mode gekommen ist. Denn „dienen“ klingt so leicht nach Unterdrückung, nach Schwäche und Demut. Man hört dienen und versteht ausnutzen. Dieser Vorwurf hat häufig auch die Kirche getroffen. Weil Menschen, die mit ihren persönlichen Fähigkeiten gerne etwas für andere tun möchten, am Ende nur gebraucht wurden, um Kaffee auszuschenken oder Gemeindebriefe auszutragen. Dienstleistung nennt man heute lieber service“.

Jesus aber meint mit dienen nicht ausnutzen, sondern das glückliche Zusammenkommen vom Haben des einen und vom Brauchen des anderen. Es ist das faire Spiel von dienen und sich bedienen lassen. Ich habe etwas, das der andere brauchen kann, und er kann etwas, das mir weiterhilft. So dienen wir gemeinsam dem guten Leben. Wie es zum Beispiel die Jugendlichen einer Kirchengemeinde derzeit machen, die in ihrer zwangsläufig schulfreien Zeit einen Hol- und Bringdienst für Ältere und Kranke eingerichtet haben. Was für ein Glück, dass ihr Zeithaben und das Brauchen der anderen so hilfreich zusammenkommen! Die besten Plätze im Leben sind eben nicht oben und nicht vorn, sondern mittendrin. Und wer weiß: Vielleicht bekommt dieses alte Wort dienen am Ende dieser schweren Zeit einen neuen Klang für uns alle.

Beate Hornschuh-Böhm

Kategorien Rundfunkandachten