Veröffentlicht am Di., 8. Sep. 2020 11:23 Uhr

"Verändern, verwandeln, zukunftsfest machen"

Andacht zu Beginn der 13. Kreissynode am 5. September 2020: 1. Korinther 3, 9 -11
von Superintendentin Beate Hornschuh-Böhm

Am Ende dieser Woche, liebe Synodale, stehen wir am Beginn der neuen Kreissynode. Am Anfang unserer Zusammenarbeit in der Leitung des Kirchenkreises werden wir vom Predigttext dieser Woche weit zurückgeführt, an den Ur-Anfang unseres Kirchenseins überhaupt.
Paulus schreibt im ersten Korintherbrief:

„Wir arbeiten gemeinsam mit Gott; Gottes Bauwerk, dass seid ihr. Aus seiner Gnade habe ich wie ein kluger Architekt den ersten Anfang gemacht, andere werden weiterbauen. Wer aber weiterbaut, soll sich Gedanken machen, wie es weitergehen kann. Nur: ein anderes Fundament kann niemand legen als das, das schon gelegt ist, Jesus Christus.“

Ein starkes Bild ist es, das Bild vom Bauen. Es vermittelt Tatkraft, Fortschritt, Offenheit nach vorn. Pläne werden gemacht, neues entsteht. Was wird in unserer Stadt und drum herum nicht alles geplant und gebaut: ein Flughafen und eine riesige Fabrik für Elektro-Autos, U-Bahn-Linien und ganze Stadtquartiere, Wohnhäuser und Geschäfte. Manche meinen, das alles ist immer noch zu wenig und wenn, dann das Falsche, aber immerhin: es wird gebaut! Und auch wir selbst sind kräftig mit dabei: ein neues Gemeinde- und Familienzentrum soll entstehen, KITAs mit Wohnungen und Altes muss dringend saniert werden, wie unsere alten denkmalgeschützten Kirchen.

Bauen: das ist, etwas schaffen, etwas verändern und verwandeln, etwas zukunftsfest machen. Und auch das wird gebaut: Gebäude aus Worten und Sätzen, aus kreativen Ideen und neuen Gedanken. Das zumindest wollen wir heute hier auch miteinander tun.

In unserem Kirchenkreis wurde lange Zeit gern und viel gebaut. In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts oder noch viel früher zur Zeit der berühmten „Kirchenjuste“. Doch heute plagen wir uns herum mit den schlecht isolierten Betonkonstruktionen der Gemeindezentren oder mit den komplizierten Bestimmungen des Denkmalschutzes an den alten Kirchen. Die weltberühmte Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz zum Beispiel muss gerade wieder für viele Millionen saniert werden, und auch in unserem Kirchenkreis mag sich mancher Wirtschafter beim Blick auf die Rechnung für die Dachsanierung oder die energetische Ertüchtigung des Gemeindehauses heimlich zurücksehnen in die Zeit der Zelte und der Katakomben. Wie gut, dass wir heute auf unserer Tagung einen Ausschuss zur Immobilienentwicklung einsetzen wollen; denn der Umgang mit unseren Gebäuden und was daraus wird ist nur noch als Gemeinschaftsaufgabe zu bewältigen.

In unserer Kirche wurde lange Zeit gern und viel gebaut, auch im übertragenen Sinne. Die Disziplin „Gemeindeaufbau“ gehört zum festen Lernbestand in der Ausbildung der jungen Pfarrer*innen. Doch heute spüren wir deutlich im Kernland der Reformation, dass nicht mehr ein Aufbau, sondern der Abbau des kirchlichen Lebens im Gange ist. Die Kirchenmitgliederzahlen sinken, die Bindung der Menschen an die Institution Kirche bröckelt, die Einnahmen gehen erkennbar zurück. Wenn in drei bis vier Jahren – in der Zeit dieser Synode – die Generation der „Baby-Boomer“ beginnt, in den Ruhestand zu treten, werden etwa ein Viertel Mitglieder davon betroffen sein.
Kleiner und ärmer werden – das ist eine schmerzliche Einsicht, die zu akzeptieren schwerfällt. Da spricht man dann lieber in offiziellen Programmen und Papieren vom „Wachsen gegen den Trend“ und von der „Volkskirche im Wandel“. Klar aber ist, der Aufbau wie bisher gewohnt ist zu Ende.

Nur: war es jemals anders in der 2000jährigen Baugeschichte unserer christlichen Kirche? Etwas Altes geht zu Ende und etwas Neues beginnt? Die Erfahrung hat schon der Apostel Paulus gemacht:

„Als kluger Architekt habe ich einen ersten Anfang gemacht,“ schreibt er an die Gemeinde in Korinth, die er gerade einmal 15 Jahre vorher gegründet hat, „andere werden weiterbauen; wer aber weiterbaut, soll sich Gedanken machen, wie es weitergehen kann.“

Wie bauen wir weiter? Und was? Es ist inzwischen alles andere als selbstverständlich, dass wir da weitermachen, wo die Generationen vor uns aufgehört haben. Denken wir an die Jahrzehnte des kirchlichen Bau-Booms: wie viele Gebäude und Stellen wurden damals errichtet, nur weil das Geld üppig vorhanden war? Oder noch ein paar Jahre zuvor: hatten wir eine bessere, eine ernsthaftere und frömmere Kirche in den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, bloß weil damals noch 90% der Deutschen zu einer der großen Kirchen gehörte? Wir müssen nicht da weitermachen, wo unsere Vorgänger aufgehört haben. „Wer weiterbaut, soll sich Gedanken machen, wie es weitergehen kann.“

Das, liebe Synodale, ist eine Mahnung – und eine Chance. Traditionen und eingeschliffene Gewohnheiten müssen nicht einfach immer weiter beibehalten und verlängert werden. Ämter, Strukturen, Hierarchien und Parochien sind nicht vom Himmel gefallen, sondern Instrumente der Kirche, die immer und immer wieder auf ihre Tauglichkeit überprüft werden müssen.
„Wer weiterbaut, soll sich Gedanken machen, wie es weitergehen kann.“  Das heißt aber auch als Mahnung: es ist nicht egal, was wir mit dem Haus, das da vor uns gewachsen ist, machen. Es ist nicht gleichgültig, was in diesem Haus für Geschichten erzählt werden, welche Menschen wir willkommen heißen, wer hier Wohnrecht erhält und welche Hoffnungen wir am Leben erhalten. Es ist nicht gleichgültig, welcher Geist in diesem Hause lebt und ob man durch seine Fenster schon ein wenig entdecken kann von der Welt, wie der Bauherr sie gemeint hat. Es ist am Ende überhaupt nicht gleichgültig, ob unser Beitrag zum Hausbau auch dem Fundament entspricht, das gelegt ist.

Wir können viel tun, bauen und einreißen, freilegen und übertünchen. Und wir brauchen eine ernsthafte und verantwortungsbewusste Debatte darüber, wie wir unseren Teil am Haus gestalten. Eins aber können und brauchen wir nicht: selbst den Grund für all das zu legen. „Ein anderes Fundament kann niemand legen als, das, welches gelegt ist, Jesus Christus.“

Das Fundament ist gelegt. Kein Rückbau, keine Krise, kein Mangel an Arbeitskräften und Geld kann es jemals zunichtemachen. Wir haben dieses Fundament nicht gelegt, wir können es auch nicht zerstören. Gott selbst hat es gebaut auf das Leben von Jesus, dem Grund und Ziel all dessen, was wir sind und tun. Darum können wir auch frei und mutig an unser Werk gehen. Können altes verändern und neues bauen, alles prüfen und das beste behalten – und sind bei alledem gehalten und getragen vom Fundament der Kirche, Jesus Christus. Wir sollen uns verantwortungsvolle Gedanken machen über unsere eigenen Häuser und was aus ihnen werden wird, auch über das Haus Europas, das Haus der weltweiten ökumenischen Christenheit. Wir können und sollen frei und mutig ans Werk gehen, sicher mit weniger Mitteln, aber mit dem großen Schatz des Evangeliums ausgestattet; oft beladen mit dem Gepäck überkommener Strukturen und Gewohnheiten, aber doch unterwegs in die Zukunft, die Jesus Christus eröffnet hat; manchmal sicher auch müde und ratlos im Blick auf die eigenen beschränkten Fähigkeiten, und doch immer wieder angetrieben und erfüllt vom schöpferischen Geist Gottes.
„Ein anderes Fundament kann niemand legen – und muss es Gott sei Dank auch nicht – als das, welches gelegt ist; ihr aber seht zu, wie ihr darauf weiterbaut.“

Also an die Arbeit!

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Hier finden Sie die Andacht als PDF.

Foto: martin.bahr@piqx.de

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